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Friedfertige Klarheit durch Verdrehung der Kriegsziele

Johan Galtung sprach über Libyen


15.12.2011 - FJH


"Sparen Sie sich ein Ausholen über die Vorgeschichte seit 1853, sondern benennen Sie mögliche Lösungen!" Diesen praktischen Rat gab Prof. Dr. Dr. Johan Galtung am Mittwoch (14. Dezember) den Studierenden am Zentrum für Konfliktforschung (ZfK) der Philipps-Universität. Im überfüllten Hörsaal 101 des Landgrafenhauses sprach der Gründer des ersten europäischen Friedensforschungsinstituts am Mittwochabend zum Thema "Libyen: Diagnose, Prognose, Therapie".


Als promovierter Mathematiker sucht der Träger des Alternativen Nobelpreises für jedes Problem nach einer Lösung. Dabei müsse man natürlich viele Details der Vorgeschichte kennen, mahnte er; doch solle man sie erst nach dem Vorbringen seiner Lösungsansätze auf Nachfrage bereithalten.


Genaue Kenntnisse über Libyen und zahlreiche weitere internationale Konflikte zeichneten dann auch das Referat des 81-jährigen Friedensforschers aus. Seine These erklärte den aktuellen Konflikt in Libyen mit den Strukturen des Landes aufgrund einer unangemessenen Grenzziehung zu Zeiten der früheren Kolonialherrschaft.


Während rund um Bengasi regierungskritische Stämme leben, werde der östliche Teil Libyens vom Gaddafi-Clan beherrscht. Ihm entstammt auch der am Donnerstag (20. Oktober) getötete "Revolutionsführer" Muammar al-Gaddafi. Im Süden Libyens wiederum lebten dunkelhäutige Nomaden, gegen die im Norden durchaus rassistische Ressentiments bestehen.


Angesichts dieser zwangsweisen Zusammenfassung unterschiedlicher Ethnien in einem Staat könne eine gemeinsame "Nation" wahrscheinlich kaum anders aufrechterhalten werden als durch die Unterdrückung einer Volksgruppe durch eine andere. Bisher habe der Gaddafi-Clan die westliche Region rund um Bengasi unterdrückt; im September 2011 hat sich das Blatt dann zugunsten der vorher benachteiligten Volksgruppen gewendet.


Eine friedliche Lösung sieht Galtung bei diesem Konflikt allein in der Bildung eines Bundesstaats mit größtmöglicher Autonomie der unterschiedlichen Regionen. Als Vorbild für eine solche Struktur nannte er die Schweiz, deren Bewohner selbst den französischen Kaiser Napoleon Bonaparte mit ihrem selbstbewussten Regionalstolz aus dem kleinen Land vertrieben hätten.


Wenn es nicht zur Bildung eines Bundesstaats mit weitgehend autonomen Regionalstrukturen kommt, dann sieht Galtung für Libyen zehn bis 20 Jahre Bürgerkrieg voraus. Ähnliches habe man auch im Irak und in Afghanistan beobachten können, wo den unterschiedlichen Stämmen ebenfalls durch frühere Kolonialmächte ein gemeinsamer Staat aufoktroiert worden sei.


Die Verbreitung von Vorstellungen westlicher Demokratie in diesen Ländern betrachtet Galtung als eurozentristische Arroganz. Den Kulturen der betroffenen Länder werde sie absolut nicht gerecht und könne deshalb nur weitere Konflikte auslösen.


Mit schelmischem Unterton berichtete Galtung von einem Vortrag, den er auf Einladung der deutschen Bundeswehr in Koblenz vor Mitgliedern der "Inneren Führung" gehalten hatte. Ihnen habe er ein Szenario skizziert, das diese eurozentristische Sichtweise auf skurile Art ad Absurdum führt.


Man müsse sich nur einmal vorstellen, irgendwo in den afghanischen Bergen beschlössen die Bewohner, ihr Land werde fortan an der Spree verteidigt. Berlin unterdrücke so unterschiedliche Völkerschaften wie die Bayern oder die Rheinländer, ohne deren kulturelle Vielfalt zu respektieren. Notfalls müsse man die Freiheit dieser unterdrückten Volksgruppen auch mit Waffengewalt bekämpfen.


Mit dem Hinweis, dass diese Sichtweise vielleicht sogar besser begründbar sei als die Argumentation der deutschen Regierung bezüglich einer "Verteidigung Deutschlands am Hindukusch", brachte Galtung die erheiterten Zuhörer schnell zum Nachdenken. Die Gefährlichkeit Berlins sei durch die Geschichte dieser Stadt doch wohl eindeutig belegbar, stichelte der Norweger.


Die Durchsetzung demokratischer Strukturen sieht er auch nur als Vorwand zur Rechtfertigung militärischer Aktivitäten. Eigentlicher Grund der Kriegseinsätze seien aber wirtschaftliche und geopolitische Machtansprüche.


Ölvorkommen oder Pipelines gehörten ebenso dazu wie Bodenschätze oder Militärbasen, erklärte Galtung. Im Falle Pakistans sei es auch die Sorge um die dort vorhandene Atombombe. Im Iran hingegen gebe es diese Bombe nicht, behauptete Galtung.


Um missliebige Machthaber zu stürzen, schürten westliche Geheimdienste Konflikte, indem sie die jeweils unterdrückten Ethnien zum Widerstand ermutigten und finanziell oder gar militärisch unterstützten. So sei es auch in Libyen gewesen, analysierte Galtung.


Bereits zur Amtszeit des US-Präsidenten George W. Bush habe die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) eine Liste von sieben Staaten erstellt, die man als "Achse des Bösen" bezeichnete. All diesen Ländern sei gemeinsam, dass sie über eine staatlich gelenkte Nationalbank verfügten und die Regierung nicht freundschaftlich mit den USA verbunden gewesen sei.


Mit einer staatlichen Nationalbank könnten die jeweiligen Regierungen aber Einfluss auf die Weltwirtschaft nehmen. Um das zu verhindern, forderten die USA eine Privatisierung der Zentralbanken.


Ihre Wirtschaftsinteressen setzten sie auch mit militärischen Mitteln durch, erläuterte Galtung. Doch hätten die US-amerikanischen Regierungen und ihre Verbündeten sich dabei dermaßen übernommen, dass ihre eigene Wirtschaftskraft auf Dauer auch ihren militärischen und politischen Einfluss auf die internationale Politik schmelzen lasse.


Als Beleg dafür nannte Galtung die Bestrebungen der lateinamerikanischen Regierungen, eigene politische und wirtschaftliche Strukturen aufzubauen. Frappierenderweise geschehe das ohne Beteiligung der USA und Kanadas.


Auch den großen Einfluss Israels auf die US-Politik sieht Galtung im Schwinden begriffen. Sollte das American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) seine offene Einflussnahme auf Kandidaturen zu Kongress- Senats- und Präsidentschaftswahlen nicht vorsichtig zurückfahren, so droht nach Galtungs Einschätzung in den USA ein neuer Antisemitismus.


Um die Konflikte im Nahen Osten zu entschärfen, schlug Galtung die Gründung eines Staatenbunds analog der Europäischen Union (EU) vor. Wenn die Nachbarn Ägypten, Libanon, Palästina und Jordanien das israelische Volk ebenso "in die Familie hinein" holten wie einst die Franzosen, Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Italien nach dem Zweiten Weltkrieg die Deutschen, dann könne auch im Nahen Osten ein nachhaltiger Frieden entstehen.


Unter langanhaltendem Beifall beendete Galtung seinen Vortrag und die anschließende Diskussion nach knapp zweieinhalb Stunden. Sein Witz, sein Ideenreichtum und seine bemerkenswerten Kenntnisse haben dem "Vater der Friedensforschung" die Sympathien der allermeisten Zuhörer eingebracht. Mehr als 50 Jahre Auseinandersetzung mit Kriegen und Konflikten in aller Welt haben den agilen Norweger trotz mancher Ernüchterung immer noch nicht mürbe gemacht.


Franz-Josef Hanke - 15.12.2011



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