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Verrückt vom vorherrschenden Virus

Das weltweit grassierende Fieber hat Deutschland befallen


25.06.2010 - FJH


Diesem Virus kann keiner entkommen. Er befällt selbst Leute, die überaus aufwendige Schutzmaßnahmen ergriffen haben. Tödlich ist die Krankheit zwar nicht, doch vernebelt sie bei vielen den Geist und lässt sie infantil werden.


Deutlichstes Erkennungszeichen des Virusbefalls sind schwarz-rot-goldene Flaggen, die die Erkrankten herumtragen oder sich auf die Wange gemalt haben. Häufig hüllen sie sich auch in farbige Trikots oder färben ihre Haare schwarz-rot-gold.


Meist geht die Erkrankung mit erhöhtem Alkoholkonsum einher. Außerdem bewirkt sie eine unstillbare Sucht nach Fernsehbildern.


Der durch den Virus ebenfalls geförderte Herdentrieb lässt die Menschen zu Massenspektakeln vor Großleinwänden zusammenkommen. Viele fahren nach der Einnahme ihrer Droge auch in Autokorsos mit viel Gehupe unnd Gegröle sinnlos umher.


Bekifft umarmen sie wildfremde Menschen. Mit breitem Grinsen auf dem Gesicht halten sie auch diejenigen für Mitpatienten, die sich dem Virus bislang erfolgreich entzogen haben.


Immer öfter sind auch Horrortripps zu beobachten. Dann liegt lähmende Stille über der Stadt, weil die damit einhergehende tiefe Traurigkeit die Mehrzahl der Erkrankten gleichzeitig ergreift.


Fast alle reden davon, dass ihre Droge "die schönste Nebensache" der Welt sei. Doch für die Dauer der Erkrankung wird sie für alle zur Hauptsache.


Der Virus befällt fast alle gleichzeitig. Die Erkrankung dauert etwa vier bis fünf Wochen, bevor sie allmählich wieder abklingt. Wen der Virus später befallen hat, der gesundet aufgrund seines stärkeren Immunsystems schneller.


Die flächendeckende Pandemie nutzen skrupellose Geschäftsleute schamlos aus. Ihren Produkten mischen sie deutlich sichtbare Spurenelemente der Droge bei.


Da Wirte und Kaufleute mit dieser Erkrankung ein gigantisches Geschäft machen, sorgen sie aus eigenem Interesse dafür, dass die Droge vier Wochen lang rund läuft.


Die Dealer verfügen über ein weltweites Monopol. Sie bestimmen geschäftstüchtig, wer mit ihrer Droge Geschäfte machen darf und wer nicht.


Häufig treten im Verlauf der Erkrankung auch chauvistische und nationalistische Symtpome auf. Gelegentlich wurden auch reaktionäre und rechtsradikale Ausbrüche beobachtet.


Manche Menschen versuchen vorsichtig, die Droge nur in sehr kleinen Dosen zu probieren. Doch in der Regel gelingt das nicht.


Nach kurzer Inkubationszeit sind dann fast vier Fünftel der Bevölkerung ziemlich balla-balla. Nach einem besonders gut wirkenden Tripp rufen sie "Deutschland" und "Sieg!". Nur das anschließende "Heil!" ist glücklicherweise sehr selten zu hören.


Franz-Josef Hanke - 25.06.2010



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