Der Wolf hat sich einen Schafspelz übergezogen. Mit großem Geheul haben die anderen Tiere aus seinem Rudel ihn den Lämmern angepriesen. Ein friedliches und umgängliches Lamm sei ihr Christian und dazu noch so lämmerliebend!
Schon wollen einige Schafe ihn hereinlassen in die Hütte, die mitten auf ihrem Gelände steht. "Er ist ein hervorragender Leithammel für Euch", preist das Wolfsrudel den Schafen mit meckerndem Geheule seinen Christian an. Ganz besonders die Leitwölfin Angela verstellt ihre Stimme zu einem einschmeichelnden Gesang, der sich fast anhört wie das lammfromme Herunterbeten der Vorzüge des Lebens auf der grünen Wiese.
Noch sind die Lämmer unsicher. Gerade erst hatten die zusammengerotteten Wölfe ihren Leithamlel totgebissen.
Doch irgendeinen Leithammel braucht die Herde nun mal. Und Christian trägt doch so ein fröhliches Glöckchen um seinen Hals!
Während die Lämmer noch miteinander beraten, ziehen sich auch die Wölfe in die Ebene zurück. Schon läuft ihnen der sabbernde Speichel aus den großen Schnauzen heraus. Gierig lecken sie sich die Lefzen.
"Hin, Du, kusch", befiehlt Christian einem aus dem Rudel. Auch Carl-Theodor hat sich ein Schafsfell übergeworfen, damit er die Lämmer besser ins entfernte Gebirge treiben kann. Dort werden sie dann dran glauben müssen.
Leithammel
Horst hatte den Schafen die Wahrheit gesagt über die Wölfe. Freilich war ihm das nur herausgerutscht, denn er hatte mit ihnen einen Pakt geschlossen: Wenn er ihnen jeden Monat ein paar Schafe ins Gebirge schickte, wollten sie ihn selber in Ruhe lassen.
Allerdings hatte er dann doch gegen die grauen Wölfe gewettert, die sich zu einem anderen Rudel zusammengeschlossen hatten. Sie blieben immer im Hintergrund und forderten den helleren Wölfen regelmäßig ihren Tribut ab.
Immer gieriger waren sie mit der Zeit geworden. Immer bedrohlicher waren die helleren Wölfe daraufhin an das Gehege herangerückt, in dem Lämmer und Schafe friedlich weideten.
"Das Gras muss man kürzer mähen", forderten die Wölfe. "Dann können mehr Schafe davon essen."
Seit Peter der Wolf ihnen ein paar Rezepte zur Gesundung des Hartz-Gebirges vorgestellt hatte, waren fette Schafe nicht mehr so beliebt bei den Wölfen wie früher. Sie bevorzugten mageres Fleisch, weil das für sie gesünder war.
Die Schafe indes nahmen die Mäh-Aktion gelassen hin. Schließlich war ihr wichtigster Leitruf "Mäh!"
Horst hatte ihnen erklärt, dass die Maßnahme nötig sei. Dadurch bekämen alle Schafe wenigstens genug.
Die Schafe schluckten die bittere Pille widerstandslos. Doch Horst fühlte sich immer unwohler in seiner Haut. Immer heißer wurde es ihm in seinem immer dünner werdenden Fell.
Dann hatten die Wölfe den Leithammel
Horst tot gebissen. Schon frohlockten sie, ihren Christian bald als Leithammel ins Gehege einzuschleusen.
Einige Wolfshunde waren mit dieser Taktik allerdings nicht einverstanden. Sie schlugen vor, doch Joachim als Leithammel vorzuschlagen.
Joachim war ein kapitaler Gamsbock. Vor ihm hatten viele Wölfe Respekt.
Lange hatte er erbittert gegen die roten Wölfe gekämpft. Doch dann war er auf den Hund gekommen.
Die Wolfshunde waren gewitzt. Sie dachten, Joachim könnte so weitermachen wie Horst und dem reißenden Rudel ab und zu ein paar Lämmer zutreiben.
Doch Angela wollte alles. So setzte sie ihren Willen im Rudel durch. Zumal Christian bald seinen Geburtstag feiern würde.
Einige Lämmer waren schon bereit, mit den Wölfen zu heulen. Andere jedoch warnten die Herde vor der Tod bringenden Gefahr.
Bald schon würden die Schafe die Wahl haben: Wollten sie lieber einen Wolf im Schafspelz oder einen Bock, den sie zum Gärtner machen konnten?
Entscheiden durften sie selbst das sowieso nicht. Nur alle fünf Jahre durften sie mit lautem Gemecker entscheiden, ob sie den schwarzen, den dunkelgrauen, den hellgrauen Wölfen oder den Wolfshunden zum Fraß vorgeworfen werden wollten.